SCHEIN UND SEIN (Text zur Ausstellung)
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“Kunst, als Schein, ist Kleid eines unsichtbaren Körpers” (Theodor Adorno)
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Die Idee zum Titel „Schein und Sein“ hatte unsere Kollegin Kyungwon Shin. Diese Zweiteilung hat uns angezogen: der Schein kommt zuerst, das Sein folgt nach. Daraus entwickelte sich ein offenes Projekt, getragen von vielen Künstler*innen und einer Freiheit, die wir bewusst aufgegriffen und begrüßt haben.
Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Erscheinung und Wirklichkeit ist noch älter als die Antike. In Platons Modell erscheint der Schein als Schatten einer höheren Wahrheit – ein Gegensatz, der die westliche Kultur tief geprägt hat. Doch diese zweigeteilte Sichtweise ist keineswegs universell. In vielen asiatischen Traditionen bilden Gegensätze kein entweder-oder, sondern ein dynamisches Zusammenspiel – ein yin–yan, das sich gegenseitig hervorbringt, statt sich zu bekämpfen. Vor diesem Hintergrund zeigt sich, wie relativ und kulturbedingt die strikte Trennung von Schein und Sein sein kann. Selbst die moderne Physik kennt diese Unsicherheit. In der Quantenmechanik verschwimmt die Grenze zwischen Schein und Sein: Teilchen sind Wellen und Wellen sind Teilchen; was wir sehen, hängt davon ab, wie wir sie messen. Der Physiker Werner Heisenberg formulierte es sinngemäß so: Wir beobachten nicht die Natur selbst, sondern die Natur im Licht unserer Fragen.
Die Werke der Ausstellung bewegen sich genau im Umfeld dieser Reibung. Sie untersuchen, wie Schein und Sein ineinanderfließen und wie sie Räume erzeugen, in denen die Eindeutigkeit der Unterscheidung wackelig wird. Die Spanne ist breit: von der Darstellung des Quantenflimmern bis illusionistischer Malerei und dem Einsatz künstlicher Intelligenz, von Fragilität der Demokratie zu Geldfälschung, zwischen dem mystifizierenden Schwarz und der lichtverwobenen Technik der Cyanotypie, an der Schwelle zwischen Wahrnehmen und Erkennen, dem Nicht-mehr und Noch-nicht.
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Stockholm, November 2025